Zum Vorfall in Berlin: Die Toxizität des Terrors

Dies ist die Geschichte einer Gesellschaft die fällt

– C’est l’histoire d’une societé qui tombe –

In Berlin ist am Montagabend ein Lastwagen auf einem Weihnachtsmarkt in die Menge gerast. Zwölf Menschen starben, weitere 46 wurden teilweise schwer verletzt. Innenminister Thomas de Maizière sagt, es handele sich um einen Anschlag. Der Lastwagen sei absichtlich in Richtung der Menschen gelenkt worden. Der Anfangsverdacht gegen einen pakistanischen Asylbewerber hat sich nicht erhärtet, er ist nicht der Gesuchte.

Die Mathematik des Terrors ist eine einfache. Sie denkt unvereinbar schwarz – weiß und erschöpft sich damit in einer hasserfüllten Dimensionslosigkeit. Im Terror gibt es keine Größe des politischen Gewinnens und der Grat zwischen Bagatellisierung und Instrumentalisierung ist schmal. Wer den Terror zur parteipolitischen Profilierung nutzt, geht mit ihm als Komplize Hand in Hand.

Rechtsstaatlichkeit bedeutet auch, die Schuld dem Täter und nicht seiner Herkunft zuzurechnen. Wenn ein muslimischer Migrant ein Attentat begeht, reicht das nicht aus, um etwas über muslimische Migranten oder gar die Flüchtlingspolitik als solche zu befinden. Wer sich dem widersetzt führt denklogisch das argumentum a majore ad minus in die umgekehrte Absurdität.

Dem Irrglauben zu folgen, ein Täter wäre vor allen Dingen Merkmalsträger, heißt damit nicht nur dem zwar schnellen aber möglicherweise trügerischen Gefühl im Recht zu sein Raum zu geben, sondern gleichsam dem Verrat an den Grundwerten der Demokratie Tür und Tor zu öffnen.

Die einzige Antwort auf die Toxizität des Terrors kann deshalb nur die Rückbesinnung auf das sein, was eint. Der kleinste gemeinsame Nenner, der nicht ausschließend nach Geschlecht, Abstammung, Rasse, Sprache, Heimat, Herkunft oder religiöser Anschauung kategorisiert, ist verblüffend leicht gefunden: Es ist das Mensch-Sein.

Aber wichtig ist nicht der Fall, sondern die Landung

– Le problème ce n’est pas la chute, c’est l’atterrissage –

Das Zitat stammt aus dem Film La Haine, 1995, Regie: Mathieu Kassovitz

Ein Gedanke zu „Zum Vorfall in Berlin: Die Toxizität des Terrors

  1. Danke für diesen starken Kommentar. Das Recht, Rechte zu haben, war für Hannah Arendt grundlegendes Menschenrecht. Und Platon schrieb von Sokrates‘ Überlegungen über das Böse, es sei der Mangel an Gutem.
    Also angenehme Feiertage und ein gutes und friedliches neues Jahr!

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